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Interview zwischen Iris-Juliana Takac und Jutta Hertlein-Maier PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Iris-Juliana Takac   

Iris-Juliana Takac: Frau Hertlein-Maier, Sie sind Lehrerin an der Grundschule Herriedener Straße in Nürnberg. Seit wann unterrichten Sie nach dem Konzept des Jenaplans?

Jutta Hertlein-Maier: Vorausgegangen ist eine persönliche Entwicklung, die ich als Lehrerin durchlaufen habe.
Vor etwa 15 Jahren hatte ich zum ersten Mal eine erste Klasse und habe ganz herkömmlich mit einer Fibel einen Leselehrgang versucht. Ich war sehr schnell unzufrieden damit, weil es auch in dieser ersten Klasse Kinder gab, die bereits lesen konnten, während andere nicht einmal ihren eigenen Namen aus einer Vielzahl von anderen herausfanden.
So habe ich meine ersten Freiarbeits-Versuche gemacht und mich dabei sehr viel wohler gefühlt, weil ich meinen Schülern viel individuellere Hilfen geben konnte, weil mir eine Fehlerdiagnostik leichter fiel und was für mich auch ganz entscheidend war, weil die Lernatmosphäre sehr viel angenehmer war.
Eine vollkommene Öffnung des Unterrichts von heute auf morgen hätte mich überfordert. Schon allein deshalb war ein Wechsel von geschlossenen und gebundenen Unterrichtsformen notwendig und ich fand die Kinder brauchten eine Rhythmisierung, die ihnen vor allem eine Lernumgebung garantierte, in der sie sich möglichst selbstständig zurechtfinden konnten.

Iris-Juliana Takac: Wie erfuhren sie vom Konzept des Jenaplans?

Jutta Hertlein-Maier: In dieser Phase meiner persönlichen Entwicklung erhielt ich eine Einladung zu einem Jenaplan-Symposium an der EWF-Nürnberg. Bei dieser Veranstaltung lernte ich ein Konzept kennen, das mich stark beeindruckte, und ich lernte Kollegen kennen, die wie ich auf der Suche nach einer humanen und kindgerechten Schule waren. Ein Besuch in Jenaplan-Schulen in den Niederlanden überzeugten mich dann uneingeschränkt.


Iris-Juliana Takac: Sie haben eben die Notwendigkeit von "Rhythmisierung" angesprochen. Wie rhythmisieren Sie heute Ihren Unterricht?

Jutta Hertlein-Maier: Ich unterscheide zwischen einem festen Tages- und Wochenrhythmus.
Jeden Tag beginnen wir mit einer Freiarbeitsphase. Diese ist in der Regel fächergebunden, es gibt z.B. Leseübungen oder Schreibanlässe. Das Angebot und das Lernmaterial stehen den Kindern für eine Woche zur Verfügung. Am Montag morgen werden dazu im Kreis alle Aufgaben besprochen. Für jede Aufgabenform gibt es „Experten“, die den anderen Kindern bei der Bearbeitung dieser Aufgabe helfen können. Dabei wählen die Kinder die Sozialform selbst. Die Aufgaben der Freiarbeit orientieren sich nach Möglichkeit am Wochenthema.
Im Anschluss daran treffen wir uns im Kreis zur "offiziellen" Begrüßung; es gibt ein Spiel, ein Lied, einen Gedankenaustausch, die Besprechung des Tages oder anderes.
Danach folgt die "Trainingsphase". Hier werden neue Lernbereiche insbesondere in Mathematik oder Deutsch eingeführt, erklärt und geübt.
Nach der Pause, in der zweiten Hälfte des Vormittags, kommen unsere projektorientierten Arbeiten. Es gibt dabei immer ein Wochenthema, das im Mittelpunkt unserer Arbeit steht, z.B. „Wiese“, „Wasser“, „Märchen“. Vor kurzem hatten wir das Thema „Zeit“. Dieses bearbeiteten wir in Gruppen. Da sich das Freiarbeitsthema an das Wochenthema angelehnt hat, gab es in dieser Woche in der Freiarbeit (Leseübungen) ganz viele Texte mit dem Inhalt „Zeit“, z.B. einen Text über einen Wecker.
Ganz wichtig bei meiner Rhythmisierung sind auch die Basisaktivitäten nach Peter Petersen, die ich für sehr bedeutsam halte.

Iris-Juliana Takac: Können Sie diese Basisaktivitäten bitte näher erläutern?

Jutta Hertlein-Maier: Nach Peter Petersen gibt es vier „Urformen“ des Lernens: Die Arbeit, das Gespräch, das Spiel und die Feier. Die Arbeit verwirkliche ich in den Freiarbeitsphasen, in den geschlosseneren Übungsphasen und der Gruppenarbeit. Das Gespräch ist auch sehr wichtig, dies kann sowohl in den Arbeitsphasen stattfinden, indem Fragen gestellt und beantwortet werden, aber auch einfach als gemeinsames Gespräch im Kreis. Im Kreis feiern wir auch gern, weil da einfach alle Schülern daran beteiligt sind, und keiner in der letzten Reihe untergeht... Die Feier ist ebenfalls eine wichtige Form der Gemeinschaftsbildung, des Wir-Gefühls der Gruppe. Das Besondere daran ist das Geben und Nehmen. Die Gruppe gestaltet z.B. eine Geburtstagsfeier für ein Kind. Auch können Kinder einfach etwas vortragen, z.B. geht ein Kind aus meiner Klasse in eine Folkloretanzgruppe. Hat es etwas Neues gelernt, darf es das den anderen Schülern zeigen. Wir feiern aber natürlich auch neben Geburtstagen zu vielen anderen Anlässen, z.B. wenn Praktikumsstudentinnen uns nach drei Wochen wieder verlassen. Außerdem ist die Feier eine schöne Form, um die Woche stressfrei zu beginnen und zu beenden.

Iris-Juliana Takac: Und das Spiel?

Jutta Hertlein-Maier: Zum Spiel gehören nach Peter Petersen ja auch alle Bewegungsspiele, z.B. im Sportunterricht, auch Singen und Dichten. Das verwirkliche ich auch in meinem Unterricht, gerade da das Spiel neben der Feier auch eine schöne Abwechslung zu der Basisaktivität Arbeit bietet. Ich setze Spiele oft für Wiederholungen ein, aber auch zur Erarbeitung eines Themas z.B. anhand eines Rätsels. Wichtig beim Spiel und auch der Feier ist, dass dabei wirklich ganz elementare Sachen gelernt werden, wie Sozialkompetenz und Teamfähigkeit, aber auch Fertigkeiten. Kinder tragen z.B. Gedichte viel lieber im Rahmen einer Feier ohne Notendruck vor. Die Atmosphäre ist dabei einfach anders, die Kinder nehmen das Lernen dabei weniger wahr. Durch den Wechsel von Arbeit und Spiel/Feier sind die Kinder viel motivierter.

Iris-Juliana Takac: Sie haben vorher erwähnt, dass Sie nach der Pause meist projektorientiert arbeiten. Wie läuft eine derartige Phase bei Ihnen ab?

Jutta Hertlein-Maier: Die Kinder finden sich zu Gruppen zusammen, die je einen Bereich eines übergeordneten Themas bearbeiten. Dabei gibt es meist Pflichtaufgaben, die dem Lehrplan entsprechen, dazu noch Zusatzaufgaben. Vor allem bei diesen berücksichtige ich die Interessen der Kinder.

Iris-Juliana Takac: Auf welche Weise beziehen Sie bei dieser Gruppenarbeit die Schülerinteressen mit ein?

Jutta Hertlein-Maier: Meine Schüler wissen bereits die Woche vorher, welches Thema in der folgenden behandelt wird. So haben sie schon im voraus Zeit, sich auf die Aufgaben einzustellen. Die Kinder sollen und bringen auch von sich aus Gegenstände zu diesem Thema in die Schule mit. Bevor diese Arbeitsphase startet, besprechen wir gemeinsam das Material und die Schüler können dabei auch äußern, was sie noch interessieren würde. Konkret: Ich habe vor kurzem das Thema „Zeit“ behandelt. Feste Aufgaben waren zum Kalender, zu Sekunde/Minute/Stunde, zur Woche, zum Monat und zum Jahr gegeben. Die Kinder brachten Kalender, Uhren und andere Dinge mit. Da kann es schon einmal passieren, dass sich die Schüler plötzlich dafür interessieren, wie die Jahreszeiten entstehen und wie das mit der Konstellation Erde/Sonne zusammenhängt. Über so ein weiterführendes Thema informieren sich die Kinder dann weitgehend selbstständig, arbeiten mit Büchern und Zeitschriften.

Iris-Juliana Takac: Diese Phase entspricht ungefähr dem Gruppenunterricht nach dem Jenaplan. Dazu gehört ja eigentlich auch das Stammgruppenprinzip, das in der Regel drei Jahrgänge umfasst. Meinen Sie, dass Differenzierung und Individualisierung, auch das Leben in einer Gemeinschaft, in einer derartigen Gruppe einfacher wären?

Jutta Hertlein-Maier: Ich fände eine Jahrgangsmischung sehr gut. Eigentlich ist ja jede Klasse heterogen, gerade eine erste, mit Kindern, die vorzeitig eingeschult wurden und anderen, die bereits im Schulkindergarten waren. Es gibt immer ganz fitte Schüler, und andere, die bei allen Aufgaben Schwierigkeiten haben. Bei einer Jahrgangsmischung gibt es den Vorteil, dass stärkere Schüler den schwächeren helfen und einer ist vor allem nicht vier Jahre der schwächste. Es kommen ja immer jüngere Schüler dazu, die weniger können, denen dann z.B. auch schwache, aber eben ältere Schüler, die schon wissen, wie alles abläuft, helfen können. Der soziale Aspekt tritt hier stark hervor. Ich fände das wirklich eine gute Sache.

Iris-Juliana Takac: Sie unterrichten auch nach der Methode Lesen durch Schreiben mit Hilfe einer Anlauttabelle. Was haben Sie dabei für Erfahrungen gemacht?

Jutta Hertlein-Maier: Ich bin wirklich ganz begeistert davon. Ich mach’ das jetzt im zweiten Durchgang. Ich versuche dabei mit meiner Klasse mehr entwicklungsorientiert zu arbeiten. Ich bin fasziniert, wie schnell die Kinder Lesen und Schreiben lernen, viel schneller als vorher. Dabei habe auch ich so viel gelernt, mehr als in den Jahren zuvor überhaupt. Über Rechtschreibung einerseits, andererseits auch: Wie denken Kinder? Das hab ich vorher gar nicht gewusst.

Iris-Juliana Takac: Wie beziehen Sie die Eltern in den Unterricht mit ein, die ja nach dem Jenaplan auch zur „Schulgemeinde“ gehören?

Jutta Hertlein-Maier: Ich betreibe eine sehr intensive Elternarbeit. Einmal im Monat treffe ich mich mit den Eltern, wir haben auch immer themengebundene Elternabende. Da geht es dann z.B. darum: ´Wie korrigiere ich?´ Oder: ´Wie sollen die Kinder Rechtschreibfehler verbessern?´ Oder: ´Wie machen wir das in Mathe?´ Also ganz konkrete methodische Details bespreche ich mit den Eltern. In den zwei Jahren, in denen ich immer mit den Eltern zusammenarbeite, habe ich gemerkt, sie lassen sich begeistern, gerade da die Kinder relativ entspannt nach Hause kommen.

Iris-Juliana Takac: Frau Hertlein-Maier, was gefällt Ihnen besonders an dem Konzept des Jenaplans?

Jutta Hertlein-Maier: Am Jena-Plan gefällt mir, dass er zwei Seiten hat – das Kind als Individuum auf der einen Seite und dann doch auch dieser große Stellenwert der Einbettung in die Gruppe und in die Klasse. Mir gefällt auch der Wechsel von ganz offenen Formen und gebundeneren, strafferen Übungsphasen.


(Das Interview wurde am 19.02.2001 geführt. Frau Takac war zu diesem Zeitpunkt Studentin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg. Frau Hertlein-Maier Lehrerin an der Grundschule Herriedener-Straße ind Nürnberg.)